Ein Auszug aus der Ortschronik, " 800 Jahre Wennigsen "
Das tatsächliche Alter einer Siedlung auch nur annähernd genau zu bestimmen, ist dem heutigen Historiker kaum möglich. Zumeist ist es eine Vielzahl von Indizien - schriftliche Überlieferungen, archäologischer Befunde oder Vermutungen auf der Grundlage allgemeiner historischer Entwicklungen - die dazu führten, ein bestimmtes Entstehungsdatum anzunehmen. Wennigsen - genauer gesagt das Kloster Wennigsen - wurde erstmals in einer Urkunde aus dem Jahre 1224 erwähnt.
Neuere archäologische Untersuchungen erlauben heute die Vermutung einer Gründung deutlich vor 1224. Die stilistische Untersuchung einzelner heute noch vorhandener Bauelemente der Klosterkirche legen eine Datierung des Baukörpers um etwa 1150 nahe. Untersuchungen stützen die Vermutung, dass sich bei Gründung des Klosters schon eine dörfliche Siedlung an dieser Stelle befunden hat. Die älteste bekannte Nachricht über den Ort Wennigsen befindet sich in einer Urkunde des Bischofs Hartbert.
Diese Urkunde ist aber leider nicht im Original erhalten, sondern lediglich als nicht datierte Abschrift aus dem 13. Jahrhundert im Copialbuch des Klosters Amelungsborn überliefert. Die in der Abschrift erwähnten Zeugen lassen die Abfassung der Urkunde zwischen 1199 und 1206 vermuten. Zu dieser Zeit war also schon ein Ort Wennigsen vorhanden, und da im 12. und 13. Jahrhundert in Wennigsen Gogerichte stattgefunden haben sollen ist außerdem anzunehmen, dass dieser Ort für die Zeit vergleichsweise groß und bedeutend war.
Festzuhalten bleibt: Das 1224 erstmals urkundlich erwähnte Kloster Wennigsen wurde vermutlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts gegründet. Zu diesem Zeitpunkt bestand bereits ein Ort Wennigsen. Sicher ist, dass die Etablierung des Klosters in Wennigsen einen wesentlichen Einschnitt in der Geschichte der Siedlung bedeutete, seine Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert entscheidend prägte und bis heute fortwirkt. Das Wennigser Kloster wurde zu einem wichtigen Machtfaktor in der Region und dominierte die Entwicklung des Ortes und seiner Umgebung in solch großem Maß, dass man die Wennigser Geschichte der folgenden Jahrhunderte getrost mit der Geschichte des Klosters gleichsetzen kann. In der Folgezeit entwicklete sich das Kloster zu einer gewissen Blüte, die auch dem Ort und seinen Bewohnern zu Gute kam. Die Reformbewegung des 15. Jahrhunderts hatte nicht alle Missstände innerhalb der Kirchen und Klöster beheben können. Nachdem die Forderungen nach einer umfassenden Kirchenreform unerfüllt geblieben waren, löste Martin Luther 1517 mit seinen 95 Thesen über den Ablasshandel eine Bewegung aus, die den Rahmen der bestehenden Kirche innerhalb weniger Jahre sprengte. Schließlich wurde 1555 in allen Calenberger Frauenklöstern nur noch evangelischer Gottesdienst gehalten. Das Kloster an sich blieb unangetastet als Versorgungsanstalt bestehen. Der 30-jährige Krieg brachte in Wennigsen grosse Verwüstungen. Das Kloster und fast der gesamte Ort wurden zerstört. Trotz des massiven Bevölkerungsrückgangs wurde das Dorf nicht aufgegeben. Die Überlebenden konnten die gesamten Dorfgemarkungen bewirtschaften. Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis die Normalität des Alltags wieder zurückgekehrt war und mit ihr der bescheidene Wohlstand der Vorkriegszeit.
Georg Wilhelm von Hannover hatte als Herzog (1648-1665) eine neue Verwaltungsgliederung durchgesetzt und dabei die frühere "Großvogtei Calenberg" in kleinere Ämter aufgeteilt. Wennigsen gehörte fortan zum neu gebildeteten "Amt Calenberg". Außerdem hatte es die Gerichtsbarkeit inne. Die Statistiken über die Erhebung einer Sondersteuer zeigt die Leistungsfähigkeit der damaligen Verwaltung und liefert heute eine hinreichend scharfe Vorstellung von den Verhältnissen in Wennigsen am Ausgang des 17. Jahrhunderts. Hieraus ist ersichtlich, das Wennigsen zur damaligen Zeit ein Ausnahmedorf war. Es gab es kaum größeren Bauernstellen, und selbst die waren vergleichsweise klein. Dafür gab es eine Vielzahl an geringer ausgestatteten Höfen, da Grund und Boden ohnehin dem ortsansässigen Kloster gehörten. Nur etwa ein Fünftel der Wennigser Haushalte lebte 1689 von handwerklichen Tätigkeiten, und diese Handwerke blieben auch auf den unmittelbaren dörflichen Bereich ausgerichtet. Der Bereich, den wir heute modern als Dienstleistungssektor bezeichnen hatte mit etwas über einem Fünftel der Haushalte eine vergleichsweise große Bedeutung für Wennigsen. Die Vorstellung vom alten Dorf ist bis heute durch romantisch verklärende Vorstellungen des 19. Jahrhunderte beeinflusst. Dieses Bild, das dort gezeichnet wird, bestätigt sich aber für Wennigsen nicht.
Die Zahlen verdeutlichen die ungünstige wirtschaftliche Situation, in der sich die meisten Hofbesitzer befanden. Erst gegen Ende des 18. Jahrhundert setzten wieder Veränderungen ein. Die dem Kloster als Dienstherrn zustehenden Arbeitsleistungen (Hand- und Spanndienste) wurden durch ein individuelles Dienstgeld abgelöst. Einer der Wenigen, die die politischen Chancen der damaligen Zeit wirtschaftlich nutzen konnten, war Johann Egestorff (1772-1834) in dessen Sog früh auch Wennigsen geriet und der die Bevölkerungsstruktur in Wennigsen grundlegend veränderte. Der Grund dafür waren die Kohlevorkommen im Deister oberhalb des Ortes. Die älteste Nachricht über Kohlevorkommen stammt bereits aus dem Jahr 1639. Nachdem Johann Egestorff mit offensichtlichem Erfolg Bergbau am Deister betrieb, verständigten sich 1817 die Gemeinden Wennigsen und Argestorf, in ihrem gemeinsamen Forst ebenfalls ein Bergwerk einzurichten. 1854 kaufte es eine aus Dorfbewohnern gegründete Gesellschaft, die dann schließlich den Betrieb im Jahr 1862 einstellte. Erst der Sohn Georg Egestorffs konnte mit dem Bau der (überwiegend privat finanzierten) Bahnstrecke von Hannover – Linden nach Haste beginnen, die nach dreijähriger Bauzeit 1871 fertiggestellt und 1872 in Betrieb genommen wurde ,die den Kohlbergbau auch in Wennigsen weiter belebte.
Am 28.10.1817 wurde das alte Amt Calenberg durch Königliche Verordnung aufgeteilt in die Ämter Calenberg und Wennigsen. Wennigsen erhielt damit sein eigenes Amt und ein eigenes Gericht. Fortan bestanden im Königreich Hannover 168 Amtsgerichte, darunter das Amtsgericht Wennigsen. Weder der Anschluss Hannovers an Preußen noch die Gründung des deutschen Reiches im Jahr 1871 brachten größere Veränderungen für den Ort Wennigsen. Am 4. Mai 1852 trat im Königreich Hannover das Gesetz über die sogenannte Gemeindeselbstverwaltung in Kraft. Seit Anfang der 1870er Jahre trat dann auch der Gemeindeausschuss mit eigenen Sitzungen in Erscheinung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wennigsen in einer Phase kontinuierlichen Wachstums begriffen, die bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts andauerte. Als Folge der zunehmenden Industrialisierung in Deutschland dehnte sich der Steinkohlenbergbau am Deister immer stärker aus. Die daraus resultierende gestiegene Nachfrage nach Dienstleistungen und Konsumgütern führte zu einer zunehmenden gewerblichen Durchdringung und Spezialisierung, die den Ort mehr und mehr zu einem regionalen Zentrum für die nächste Umgebung werden ließ.
Der verstärkte Zuzug von Arbeitskräften, von denen die meisten im Bergbau beschäftigt wurden, hatte ein Bevölkerungswachstum ausgelöst. Die Bevölkerungszahl hatte sich von 1848 bis 1885 von 1097 auf 1809 drastisch erhöht. Die Entwicklung vom kleinbäuerlichen Klosterdorf zum Gewerbeort mit zentralörtlicher Bedeutung hatte jedoch nicht zum vollständigen Verlust der ländlichen Identität geführt. Sicherlich war der Bergbau zum bestimmenden Faktor der Gemeinde geworden. Andere Faktoren, vor allem die Landwirtschaft, hatten an Einfluß verloren, auch wenn die Zahl der Anbauern sich von 1833 bis 1865 mehr als verdoppelt hatte. Der gewerblichen Prägung des Ortes waren jedoch auch Grenzen gesetzt.
Die wirtschaftlichen Folgen waren zunächst enorm. Bald konnten die arbeitslosen Bergleute aber neue Anstellungen finden. Viele Bürger blieben dort wohnen und nutzten die Eisenbahnlinie, um täglich zur Arbeit zu kommen. So liegen die Anfänge der heutigen Auspendlergemeinde Wennigsen bereits um die Jahrhundertwende begründet. Der sich gegen Ende der Weimarer Republik bereits abzeichnende wirtschaftliche Aufwärtstrend setzte sich im Jahr 1933 fort. So begann sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt auch in Wennigsen zu entspannen. Wichtigster Grund hierfür war die wirtschaftliche Erholung des Deisterbergbaus. Das Bestreben des NS-Regimes um wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland, vor allem was die Versorgung mit Rohstoffen und Bodenschätzen betraf, ließ die damals bereits zweifelhafte Wirtschaftlichkeit des Deisterbergbaus in anderem Licht erscheinen und brachte einen Aufschwung, der auch vielen Wennigsern wieder zu Lohn und Brot verhalf. Von den Grausamkeiten des 2. Weltkrieges ist Wennigsen weitestgehend verschont geblieben. In Wennigsen zog so im Sommer 1945 die britische Militärverwaltung als Besatzungsmacht ein. Ein bedeutendes politisches Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte fiel Anfang Oktober 1946 eher zufällig nach Wennigsen. Etwa 120 führende SPD-Mitglieder aus den vier Besatzungszonen und von der Londoner Exil-SPD versammelten sich in Wennigsen, um über den Wiederaufbau der Sozialdemokratie in Deutschland zu beraten. Zwei Gründe sprachen damals für Wennigsen als Versammlungsort. Kurt Schumacher, der Organisator der Konferenz, war durch Weisung der Britischen Militärregierung an die Region Hannover als Aufenthaltsort gebunden. In Wennigsen gab es intakte Gasthaussäle, in denen die einzelnen Gruppen tagen konnten. Zum Gedenken an diese bedeutende Konferenz wurde ein Gedenkstein auf dem Wennigser Bahnhofsvorplatz errichtet. 1955 stellte das Steinkohlebergwerk Barsinghausen nach 125 Jahren endgültig seinen Betrieb ein. Viele Wennigser Bergleute mussten einen neuen Arbeitsplatz suchen und fanden diesen zumeist im Kalibergbau, aber auch bei der Hanomag in Hannover-Linden.
1961 wurde die Wohnraumbewirtschaftung aufgehoben. Der Ort veränderte sich zusehends. Mehr und mehr Neubaugebiete entstanden. Im Jahr 1969 beschloss der Gemeinderat die Zusammenlegung von Wennigsen, Degersen, Sorsum, Bredenbeck, Holtensen, Evestorf und Argestorf zu einer Gemeinde.
Dieser Zusammenschluß wurde am 12. Dezember 1969 vom Oberkreisdirektor des Landkreises Hannover genehmigt. Wennigsen ist vor allem Wohnort mit einem hohen Anteil an Auspendlern - obwohl auch Wennigsen eine Reihe von Arbeitsplätzen bietet. Die meisten Wennigser verdienen ihr Geld außerhalb, zumeist in der nahen Landeshauptstadt Hannover.
Wennigsen ist heute eine Großgemeinde mit acht Ortschaften auf einer Fläche von 53,4 Quadratkilometern und mit 15.358 Einwohnern (Stand 01.09.2006). Es ist geplant, die Einwohnerzahl durch die Ausweisung neuer Baugebiete und durch das Schließen von Baulücken in den einzelnen Ortschaften noch zu erhöhen. Wennigsen ist landesplanerisch ein sogenanntes "Grundzentrum", das die Deckung des täglichen Lebensbedarfs ermöglichen soll. Hierzu gehören Schulangebote bis zum Sekundarbereich II, Sportanlagen und gute Einkaufsmöglichkeiten. Die Gemeinde strebt die staatliche Anerkennung als Erholungsort an, hierzu soll die Naherholungsfunktion ausgebaut werden.
Es gibt im Bereich der Gemeinde zwei Grundschulen, in Wennigsen und Bredenbeck, eine Kooperative Gesamtschule und eine Freie Waldorfschule in Sorsum.
Die Gewerbestruktur hat die Schwerpunkte Bauwirtschaft, Metallverarbeitung und Klärtechnik.
Daneben gibt es eine Reihe von Groß- und Einzelhandels-, sowie von Dienstleistungsunternehmen.
Wennigsen ist Sitz eines Amtsgerichts.
Evangelische Kirchengemeinden bestehen in Wennigsen, Bredenbeck und Holtensen.
Katholische Kirchengemeinden haben Wennigsen und Holtensen.
In Wennigsen gibt es außerdem eine Evangelisch-freikirchliche Baptistengemeinde und eine Neuapostolische Gemeinde.
Allein für den Ort Wennigsen selbst werden in der aktuellen Begrüßungsbroschüre der Gemeinde 51 Vereine und Verbände aufgezählt, die das Leben im Ort in entscheidender Weise mit gestalten und zum Teil bereits seit Jahrzehnten (oder noch länger) prägen.
Linus Münch







