Dies und Das
Pressemitteilung in der Hannoversche Allgemeine Zeitung vom Do. 01.11.2001

Bredenbeck / Landvermesser aus Laatzen lüftet das Rätsel um einen alten Stein auf dem Deisterkamm

Gauß erforschte vom Deister aus das All

 

Auf der Spur von Carl Friedrich Gauß:  Eberhard Meliß (rechts) hat den 180 Jahre alten Messpunkt entdeckt und erläutert dessen Geschichte. Praktikantin Malin Adler zeigt Karte mit Dreiecksmessungen.
Die Messungen im Deister haben zum Ruhm beigetragen - Gauß auf dem Zehn-Mark-Schein.

Der Deister birgt so manches Geheimnis: alte Geschichten über Bergbau, Mythen und Legenden. Eberhard Meliß, Landvermesser aus Laatzen, ist jetzt auf Spurensuche gegangen und hat eine der Legenden enträtselt. Vor 180 Jahren zog es den Göttinger Wissenschaftler Carl Friedrich Gauß in der Nähe von Bredenbeck zur höchsten Stelle des östlichen Deisterkamms, um dort eine frühe Form von Weltraumforschung zu betreiben.

Der Mathematiker, Physiker und Astronom, dessen Porträt sich fast in jeder Geldbörse auf dem Zehn-Mark-Schein befindet, schlug sich im Juli 1822 durch das Unterholz des Deisters, bis er in 310 Metern Höhe auf dem Ostkamm endlich freie Sicht hatte. "Dort setzte er einen Stein, einen von 29 Vermessungspunkten zwischen Göttingen und Hamburg", verrät Eberhard Meliß, der als pensionierter Landvermesser wohl zu den wenigen Fachleuten gehört, die sich spontan begeistern können. Doch mit seiner Entdeckung hat der Rentner aus Laatzen längst Mitstreiter angesteckt.

Auch Ralf Schickhaus, Leiter der Knigge´schen Forstverwaltung, und Philipp Held, Vorsitzender des Heimatbundes in Bredenbeck, finden die Gauß-Story spannend, so dass sie die Fundstelle als Ausflugsziel für Wanderer hergerichtet haben. Ein großes Ziel der "Weltraumforschung" zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei es gewesen, die Entfernung zwischen der Erde und den Planeten zu bestimmen, erzählt Meliß. "Dafür musste aber erst die Größe der Erde gemessen werden, und dies ging damals nur mit Hilfe der Breitengrade."

Im Zeitalter der Satelliten könne sich heutzutage zwar kaum noch jemand die schwierige Arbeit der Forscher vor 180 Jahren vorstellen. "Doch damals glaubten viele Leute noch ernsthaft, dass die Pole der Erde spitz wie ein Berg zulaufen", verrät Meliß. Um die Länge der Breitengrade zu bestimmen, habe Carl Friedrich Gauß schließlich in die Trickkiste gegriffen. "Distanzen mit mehr als 100 Kilometern Länge, wie die der Breitengrade, ließen sich nach damaligem Stand der Technik nur mit Teilmessungen bestimmen, aufgeteilt in Gebiete in Dreiecksform", erläuterte der Landvermesser. Ein bisschen Mathematik - und die Ergebnisse der so genannten Triangulation lieferten die genaue Länge von Breitengraden.

Fast beiläufig liefert Meliß damit die Erklärung für die Rückseite des Zehn-Mark-Scheins: "Neben einem Sextanten ist dort in Miniatur auch eine Dreieckskarte von Gauß abgebildet, leider ohne die Deisterregion", bedauert Meliß. Zu sehen sei nur die norddeutsche Tiefebene zwischen Lüneburger Heide und Holland. Den Wert des Fundorts schmälere dies aber keineswegs, meint der Landvermesser.

Weil der Originalstein des Messpunkts auf dem Deisterkamm nach 180 Jahren stark verwittert und marode war, haben sich Meliß, Schickhaus und Held für einen Ersatz entschieden. Ein herrenloser Gauß-Stein, der auf einem Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide gefunden wurde, steht seit vergangener Woche im Deister. Hans Groth, Maler und Mitglied des Heimatbundes, hat eine Info-Tafel entworfen, die Wanderer auf den leicht abgelegenen Punkt, etwa zehn Meter abseits des Kammwegs hinweist. Wer Sucht, findet den Messpunkt von der B217 aus über den Königsweg und den Deisterkamm, keine 200 Meter von der Streitbuche entfernt.

 

Oel


letzte Änderung: 01.02.02